Weltweit und monatlich nutzen 700 Millionen Menschen Instagram. In Deutschland sind es immerhin 15 Millionen, die das Monster füttern. Dabei setzt das Netzwerk vor allen Dingen auf Selbstdarstellung. Wie wirkt sich diese konstruierte Öffentlichkeit des Einzelnen auf uns aus?

Meine Freundin Greta sitzt neben mir in der Bahn. Gebannt und paralysiert starrt sie auf den Handybildschirm. Kim Kardashian, mit Aussicht auf ihr Hinterteil, am Pool und mit Jogginghose vor der Limo. Schnell und mit geübten Bewegungen wischt Greta durch das digitale Angebot an Menschen und ihren dokumentierten Leben. Nicht einmal die, nach Aufmerksamkeit schreienden, blau-schwarz-rot-gekrisselten Sitze vermögen sie abzulenken. Die hochbrisanten Porridge- und Smoothie-Bowl-Fotos haben es ihr angetan und werden eifrig geherzt.

Nur die kaum hörbare Ansage des Ziels reißt sie aus der Tiefe des Meeres Instagram. Doch fünf Minuten später ist sie wieder auf Tauchgang. Nicht als Betrachterin. Jetzt hat sie ein Motiv entdeckt, welches ihr Instagramer-Herz höher schlagen lässt. Ein verzerrter Spiegel blickt uns, mitten auf einem belebten Platz, an und wir Beide schauen wissend zurück. Dieses Motiv drängt sich geradezu auf und schreit stumm nach einem Foto, das geteilt werden möchte.

Gleich, nachdem unsere Beute mit dem kleinen Plus hinzugefügt wurde, ploppen die ersten Pünktchen unter den Herzen auf. Jetzt sehen sie aus wie kleine Ausrufezeichen. Diese, dass Wohlwollen anderer Nutzer verheißenden Bekundungen, sind das Brot des nach Likes gierenden Instagramers. Da die Community groß ist, bekommt jeder eine Scheibe ab.

                                          Das Cloud-Gate, “The bean”, in Chicago. Foto: Dr. Harald Peter

Auf Instagram sind wir Stars, auch Greta und ich. Denn hier wird jeder zu einer öffentlichen Person. Hier herrscht die Seichtigkeit des Scheins vor* und es gilt, diese zu bewahren. Selbstdarstellung schlägt den tieferen Sinn. Wie sollte es auch anders sein, auf einer Plattform die ihren Fokus auf Fotos legt?

So werden wir zu Models und Schauspielern die in Stücken brillieren, die wir selbst geschrieben haben. Sorgsam werden die dann nachbearbeitet und durch Filter gezogen. Die Realität wird verzerrt, so wie der Spiegel es mit Greta und mir tut. Was zählt ist das Bild, welches zum Schluss dabei herauskommt. Das lässt uns gut ausgeleuchtet und magazincoververdächtig von den Bildschirmen strahlen.

Ganz so, wie es auch die Großen tun. Kim Kardashian macht es mit über 100 Millionen Followern auf Instagram vor. Dabei entstehen diese Werke kaum noch zufällig und nebenbei.

Neulich brachte die NEON ein Beispiel, dass ich hier zitieren muss. Die Zeitschrift ließ eine Berliner Kellnerin zu Wort kommen. Die berichtete von jungen Instagramern die Essen bestellen und fotografieren, nur um es im Anschluss unangetastet wieder zurückgehen zu lassen. Zugegeben, dass spart Kalorien und lässt einen auf zukünftigen Fotos besser aussehen. Doch welche Botschaft lässt sich aus solch einem Verhalten ableiten?

Vielleicht wird dem digitalem Ich zunehmend eine größere Bedeutung beigemessen, als dem realen. Gefüttert wird hier der Instagram-Account und die Follower, nicht der Körper. Der Nährwert hinter Fotos spielt keine Rolle mehr. Was zählt ist ein gut gephotoshoptes Bild, nicht der Inhalt.

Hashtags wie photooftheday, instagood oder instagramers decken die Welt dieser schönen, hollywoodähnlichen, Scheinwelt auf. Schließlich implizieren sie schon das ein, mit diesen Worten bedachtes, Foto keinen Mehrwert liefert. Diese Hashtags werden mit Vorliebe von denen verwendet die nicht wissen, wie sie ihr Selfie sonst nennen sollen.

Absurd wirken dann Fotos, wie die einer Fussballergattin, welche sich jüngst bewundern ließen. Die hatte ihre Selfies mit #rainydayinhamburg betitelt. Auf den Fotos: Weder Regen, noch Hamburg. Nur sie mit großer Sonnenbrille auf einer, mit Nappaleder ausgekleideten, Autorückbank. Die Größe ihrer Sonnenbrille stand der, der Hollywoodsternchen, in nichts nach. Auch in der Selbstdarstellung konnte sie mit Kim Kardashians und Rihannas mithalten.

Kein Problem. Schließlich lernen wir täglich unsere Aussenwirkung, nach diesen Vorbildern, zu konstruieren. Normale Menschen wie Greta und ich bauen mit den durchgeplanten, perfekt erfundenen Accounts Persönlichkeiten wie Stars auf. Wir imitieren sie und werden dabei selbst zu welchen. Zumindest auf Instagram. Dabei steigt auch der Druck der auf uns wirkt.

Wie können wir auch glauben, nur das Gelbe vom Ei haben zu können? Auf öffentlichen Personen lasten Erwartungen und Druck. Sie brauchen einen guten Körper, sollen stylisch sein und begehrenswert.

Greta und ich, wir spüren diesen Druck auch immer deutlicher. Deswegen fotografieren wir lieber unser Essen, statt es zu verzehren.

*ein Zitat von Gerhard Rehm

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