Man fällt ihnen immer wieder zum Opfer. Sie schießen ab und und treffen zielsicher und genau. Die ambitionierten Hobbyfotografen. Auf Partys vergewohltätigen sie ihre Mitmenschen mit „schönen Erinnerungsbildern“, die sie ja nur mal kurz machen wollen. Wie groß ist die Aussagekraft solcher Fotos?

Paul winkt mich hektisch, mit einem fast wahnsinnigen Strahlen, zu sich heran. In der Hand die nicht damit beschäftigt ist, Leute zu einem Foto heranzutrommeln, hält er seine dicke Spiegelreflexkamera. „Lasst uns alle nochmal ein schönes Erinnerungsfoto machen, ja?“, hechelt er uns, mehr Aufforderung als Frage, an.

Notgedrungen und mit einem stummen Murren, lasse ich die Dinge geschehen. Paul positioniert uns, mit Handzeichen und durch das Guckloch seiner Kamera, zu einem harmonischen Bild zusammen. Er zählt bis 1, 2, 3 und mit einem langgezogenen „Cheeheeese“ gibt er uns zu verstehen, dass wir jetzt alle unser bestes Kameragesicht aufsetzten sollen.

Nach dem Blitz zeigt er seinen Opfern, ganz der begeisterte Fotograf, sein vollbrachtes Werk. Cosi ist auf zwei Bildern nur halb drauf und ich habe auf Drei von Fünf die Augen zu. Trotzdem hat Paul es geschafft ein halbwegs vernünftiges Foto zu schießen, auf dem wir alle grenzdebil in die Linse grinsen.

Ich halte nicht viel von gestellten Fotos. Es mag Momente geben in denen sie zum Thema passen. Zum Beispiel bei steifen Firmenveranstaltungen und bei Bildern, die Erinnerungen an Zwangsgemeinschaften jeglicher Art besiegeln sollen.

Diese gestellten Gut-Drauf-Minen stellen doch sehr gut dar, was viele ohnehin gefühlt haben, während sie ihre Mittagspausen neben schmatzenden Kollegen oder Mitstudierenden verbracht haben. Immer schön lächeln und winken.

Doch dem nicht genug. Nun zwingen uns die Pauls dieser Welt, auch noch in unserer Freizeit, vor die Linse. Schön dämlich sollen wir dabei unsere Mundwinkel hochziehen und „Sina, schau doch bitte nicht so traurig!“.

Dabei vergisst Paule, dass SO ein „schönes Erinnerungsfoto“ in zehn Jahren kaum noch Aussagekraft haben wird. Eine mit zusammengekniffenen Zähnen gemurmelte: „Wir-wurden-gezwungen“ – Aussage gibt so ein Foto noch ab.

Das Cosi, die auf dem Bild ein Lächeln bis zu den Ohren trägt, eigentlich den ganzen Abend gelangweilt mit ihrem Smartphone in der Ecke saß, sieht man darauf nicht. Auch nicht, dass Karl und Ralf hackezu waren und kaum noch stehen konnten ohne zu schwanken.

Mir fehlt da der Wahrheitsgehalt. Hätte Paul einfach heimlich durch die Zimmerpalme fotografiert, wäre der Unterhaltungswert größer. Da würde man sehen, wie Karl und Ralf fünf Minuten vor Abschuss in den Garten wankten, um sich hinter den Astern zu übergeben.

Das wären mal Erinnerungen!

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4 Comments

  1. Sehr gut auf den Punkt gebracht. Wie in den anderen Beiträgen auch schon! Wirklich guter Blog. Echt mal was Anderes. Bin schon gespannt was du als nächstes aufs Korn nimmst

  2. Gut geschrieben. Es ist wirklich nervig geworden, dass Leute alles auf Fotos festhalten müssen als ob sie morgen von Alzheimer überfallen würden, wenn man nicht von allem ein Foto macht.

    • MariaHutmacher Reply

      Aufmerksam beobachtet. Viele sind eher damit beschäftigt, die guten Momente festzuhalten, statt sie wirklich zu erleben. Diesen Eindruck gewinne ich auch oft.

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