Alkohol gehört zu den wenigen Drogen, zu deren Konsum man aktiv ermutigt wird. Hoffnungsfrohe Aufreißer oder bierselige Freunde wollen uns „nur ein Schnäpschen“ aufschwatzen. Warum?

Karl ist froh, denn es ist Wochenende. Für ihn heißt das: Feiern. „Feiern“ heißt für ihn: Trinken und bestimmt kein Wasser. Er trifft sich mit Ralf und Paule vor’m Späti des gemeinsamen Geschmacks. Hier gibt’s Sterni und da der Rausch billig sein soll – für die nächsten „Feiern“ muss es auch noch reichen – kramt Karl seine Cents zusammen. Vor’m Späti wird das Bierchen mit dem Feuerzeug geköpft. Prost!

Karl, Ralf und Paule sind Jungs die ihr Bier mit dem Feuerzeug und notfalls mit den Zähnen öffnen. In’s Kino gehen sie nur, wenn Terminator 8 läuft. Doch ihr Bier kosen sie liebevoll mit dem kleinen, süßen Anhängsel: „CHEN“. Die schmeichelhafte Bezeichnung schenken sie nicht bloß dem Bier. Auch das SchnäpsCHEN und das SektCHEN, welches das Jagdobjekt Frau trinken soll, werden nicht verschont. In anderen Lebensbereichen sind die Jungs damit beschäftigt, die Dinge größer zu machen, als sie eigentlich sind. Beim BierCHEN machen sie eine Ausnahme.

Lieben sie es so, wie ihr SchätzCHEN das zuhause auf der Couch sitzt und sich auf die Fahne freut? Oder berauben sie dem Alkohol seiner Gefahr indem sie ihn niedliche Kosenamen geben? „Keine Furcht, dass ist kein Bier. – Es ist nur ein BierCHEN“, höre ich die verkappten Alkoholiker in meinem Kopf sagen.

Matthias wurde gerade ein „BierCHEN“ angeboten. Er hat in der Bar auf Karl, Ralf und Paule gewartet – die wollten noch vorglühen. Der gewünschte Rausch ist hier teurer, als ein paar Sternis vom Späti. Deswegen haben Karl und Co vorgetrunken. Nur Matthias nippt lieber am Wasserglas. Spott und Hohn erntet das lebensspendende H2O.

„Gönn’ dir doch mal ’n FeierabendbierCHEN“, ruft Karl. Zum Feierabend und auch noch zum Wochenende, wäre es für Karl schändlich nichts zu trinken. Er möchte, dass Matthias mittrinkt. Er möchte, dass sich Matthias für seine Enthaltsamkeit rechtfertigt. Ralf und Paule wollen das auch. Mit Karl sind sie in der Überzahl. Als Trinker in einer Bar befinden sie sich auf natürlichem Weidegrund und direkt an der Quelle. Für sie ist die Debatte ein Heimspiel. Sie schieben Matthias das BierCHEN immer zudringlicher unter die Nase und der kommt in’s Stottern.

Doch warum lassen die anonymen Alkoholiker (die so anonym sind, dass sie selbst von ihrer Sucht nichts wissen) Matthias nicht am Wasser nippen? Sie könnten ein paar Zombies* zu den Sternis kippen und ihrer Wege wanken. Doch sie möchten nicht den steinigen Weg der Erkenntnis entlang stolpern.

Karl, Ralf und Paule wollen sich nicht selbst in Frage stellen. Deswegen stellen sie lieber Matthias in Frage. Wie alle Konsumenten fühlen sich eben dann am wohlsten, wenn jemand mitkonsumiert. Das rückt ihr eigenes Verhalten in den Bereich der gesellschaftlichen Norm. Wenn sie sich in der bewegen, können sie am „FeierabendbierCHEN“ nippen, wie andere am Wasser.

* ein starker Cocktail

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