Schließlich lebt man nur einmal und da möchte man doch gut aussehen, auch für die Anderen.

Susi ist glücklich, denn endlich hat sie es geschafft: Die Kissen sind possierlich und farblich passend nebeneinander aufgereiht und harmonieren mit dem grauen Sofa. Dieses Martha-Stewart-Arrangement sollte natürlich nicht ungenutzt bleiben, denn da draussen gibt es Follower die es sehen sollen.

Ausserdem macht Susi in ihrem gesponserten Dress Caro Daur Konkurrenz. Damit das nicht ungeachtet bleibt, hat sie schon das Stativ justiert. Im leichten Seitenprofil mit überschlagenen Beinen und durchgestreckten Füßen sieht sie aber auch gut aus. Auf positive Kommentare braucht sie bei so viel Eleganz nicht lange zu warten. „Du bist so hübsch, Süße!“, schreibt Franzi und Sarah bestätigt: „Wenn ich deine Beine hätte… Herzchensmiley, Herzchensmiley, Herzchensmiley“. „Ach, du bist doch selbst so eine Schönheit“, schreibt Susi ihrem Fan zurück.

Lese ich mir die Kommentarfelder neben den polaroidformatigen Bildern durch, muss ich aufpassen das ich kein Karies bekomme von all den süßen Komplimenten. Doch wenn ich beides betrachte frage ich mich, was mich unglücklicher macht. Die gefilterten Fotos oder die Kommentare, die zwischen Eigennutz (lb = like back) und ungefilterter Bewunderung schwanken. Wann haben manche von uns damit begonnen, ihr Leben durch eine Linse zu sehen und aufgehört, ihre Wohnungen nach ihrem Geschmack einzurichten?

Hautsache das Motiv sitzt, die Couch muss instagramable sein, denkt Susi. Also müssen die Werbegeschenks-Kissen auch in der richtigen Ausführung geliefert werden. Schließlich möchte sie keinen stilistischen Fauxpas begehen und Motivkissen mit Eulen auf ihrem Foto haben, obwohl die völlig out of season sind. Ihr Ruf in der Influencer-Szene stände auf dem Spiel.

Das Essen geht natürlich zurück

Zu Mittag isst sie deswegen bei dem Vietnamesen mit Fusionsküche, der drapiert das Wasabikringelchen immer so hübsch neben dem Sushi. Dazu gibts die Matchaeiscreme. Essen tut sie die natürlich nicht, die geht zurück – das Fitnessstudio-geformte Influencerfigürchen stände auf dem Spiel. Riskieren kann Susi ihr Sixpack nicht, wie sollte sie sonst noch in ihr Chanel-Kleidchen passen? Mit fishing for compliments wäre es dann vorbei. Susi lebt schließlich von den Fotos, die der Perfektion huldigen und mir das Gefühl geben, gerade durch die Grazia zu blättern.

Ein Vorteil hat das Ganze aber. Seitdem es Instagram gibt, ist bei meinem Lieblingsvietnamesen immer ein Platz frei. Bei ihm bekomme ich mein Essen ohne Teriyaki-Soßenkleckse, die mit der Gabel zurechtgezogen worden. Auch das Matcheis steht hier nicht auf der Karte, dafür gebackene Bananen mit dem uncharmanten Aussehen von kleinen, frittierten Klümpchen. Fotomotivverdächtig sind die nicht, aber lecker. Influencer und solche, die es werden wollen, verirren sich deswegen nur selten hierher. Gut für mich.

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