Auf der Anklagebank sitzt sich die Jugend von Heute ihren Hintern platt und das schon seit Menschengedenken. Etwa, weil sie den alten Klägern ihre Plätze nicht angeboten haben? Oder wegen ihrer fehlenden Manieren und ihrer Unvernunft? Schließlich stehen diese Punkte schon lange auf der Schmähschrift, die ihnen gewidmet ist.

Dabei muss sich die Jugend ohnehin schon mit Clerasil und den ersten, sexuellen Unsicherheiten auseinandersetzen. Wenn dann noch das garstige Brabbeln der Omi erklingt, weil man bei ihrem Betreten der Bahn nicht gleich hochgeschreckt ist, um die Hacken aneinander zu schlagen, macht das die Pubertät nicht leichter. Doch diese Schmach ist meist nur ein Vorgeschmack auf das, was folgt. Schimpftiraden, die nicht bloß die eigene Person beleidigen, nein, einer ganzen Generation werden Fegefeuer der Hölle gewünscht. Grund für die Verbannung: Die fehlenden Manieren der jungen Leute von Heute. Und ob die Vernunft in ihren bepickelten Köpfen wohnt, diese Frage stellt sich die Omi ohnehin.

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Sokrates (um 469 v. Chr., † 399 v. Chr.)

Doch ihren Ruf musste sich die Jugend nicht erst mit der Verweigerung von Sitzplätzen ruinieren. Ähnlich einer Erbsünde sind sie hineingewachsen, in die Schuld, die sie ihres Alters wegen sühnen müssen. Die Anklagepunkte selbst fußen meist auf einer einfachen Formel: Wenn mehr Kerzen auf der Torte gleich Weisheit sind, kann Jugend nur Dummheit bedeuten.

Diesen vermeintlichen Wissensvorschuss posaunen betont Lebenserfahrene oft und gern heraus. Man könnte fast meinen, manch Einer hätte im ersten und zweiten Weltkrieg mitgekämpft, selbstverständlich an vorderster Front und im Kugelhagel. So stolz tun sie ihre geistige Überlegenheit, der Jugend gegenüber, kund.

Vielleicht haben sie ja Recht und die Regierung sollte dazu übergehen, den Schicksals-Geschlagenen, Orden zu verleihen. Ab 50 gibts den Stern der Weisheit und im Jahres-Rhythmus kommt ein Neuer dazu. Den dürfen sich die Altersweisen an ihre Uniform des Lebens heften. Die nichtsnutzige Jugend würde dann sofort erkennen, für wen sie in der Bahn die Hacken zusammenknallen muss. Das erinnert die Alten gleich an den Krieg mit, den sie überstanden haben. Den lebenserleichternden Effekt, für beide Generationen, könnte man diesem Orden also nicht versagen. Das Altern scheint schließlich nicht leicht zu sein, auch wenn es allein vonstatten geht. Oder müsst ihr euch dafür auf die Streckbank legen?

Gibt es womöglich geheime Prüfungen, ab einem bestimmten Geburtstag, von denen wir Jungen noch nichts wissen? Durchfaller wandern unter die Guillotine, die Anderen bekommen geistige Reife bescheinigt und dürfen weiterleben? Existieren Zeugnisse die euch Kenntnisse, aufgrund eures Alters, bescheinigen, die wir nicht haben? Anders kann ich mir nämlich den mangelnden Respekt, mit dem die Jugend oft herabgewürdigt wird, nicht erklären.

Denn es mag sein, dass es 15-Jährige gibt, durch deren Augen man direkt auf die innere Rückseite ihres Kopfes sehen kann. Doch beim Blick auf ältere Mitbürger offenbart sich manchmal ähnliches. Bei denen hat auch nicht – mit dem Anpusten der Geburtstagskerze – die Intelligenz an den hohlen Schädel geklopft. Die simple Gleichung: Alter gleich Weisheit, kann folglich nicht stimmen. Dann sollte man auch nicht länger dem Umkehrschluss, Jugend gleich Dummheit, Glauben schenken.

Schließlich hockt sie schon zu lange auf der Anklagebank. Wird für den krummen Rücken getadelt, den sie dabei macht und einen Anwalt kann sie sich auch nicht leisten. Es ist also ein unfairer Prozess, dem die Jugend immer wieder unterzogen wird.

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