Schlechte Zeiten für Klaus Kinskis. In den Regalen der Bücherläden häuft sich die Literatur der Positivdenker. Die Jünger dieser Bibeln missionieren mit Leidenschaft. Ihre eigenen Wunden flicken sie behelfsmäßig zu. Da bleibt keine Zeit für Ursachenforschung.

Es ist Sommer im letzten Jahr. Im Eiscafé habe ich mir Stracciatella und Pistazie gegönnt. Meine Augen fixieren die zwei Kugeln aus schmelzendem Glück an. Sie sehen nicht das drohende Malheur. Ein Mann mit Stechschritt stürmt aus der Gegenrichtung auf mich zu und stößt mich zur Seite. Stracciatella und Pistazie lernen die Pflastersteine persönlich kennen. Meine Augen werden jetzt so groß wie zwei Kugeln Schokoladeneis, dunkel und feucht.

Meine Freundin hat ihr Eis noch und auch einen passenden Ratschlag. „Sieh’s doch positiv! So nimmst du weniger Fette auf.“ Ich atme, um Frieden bemüht, einmal ein und lange aus. Meditativ. Diesen Tipp habe ich aus dem Buch Die innere Ruhe finden. Gerade suche ich sie und für meine Freundin hoffe ich, sie zu entdecken.

Die Verkaufszahlen von Büchern wie Die innere Ruhe finden oder The Secret belegen den Erfolg der Denke-positiv-Literatur. Diese Bilanz bekundet ein, im wahren Sinne des Wortes, positives Bestreben der Menschen nach Glück. Da die Gesichter auf deutschen Straßen meist grau genug sind, habe ich nichts gegen Sonnenschein. Auch nicht, wenn meine Freundin mitleuchten will.

Nur haben Erleuchtete oft das Bedürfnis, den Funken der glücksverheißenden Positivdenker-Literatur ungefragt weiterzugeben. Dabei vergessen sie, dass es nicht reicht den Menschen das Feuer in die Hand zu geben. Es muss von innen brennen, um Körper und Geist zu beeinflussen. Unerfragte Weisheiten von außen verfehlen ihren Zweck, denn sie dringen nicht unter die Oberfläche.

Belehre niemanden!

Du sollst deine Mitmenschen nicht belehren. Das ist ein Kapitel das (fast alle) Vegetarier schon gelesen haben. Die Positivdenker sind da noch nicht angelangt. Dann wüssten sie das gut gemeinte Ratschläge oft schlecht ankommen und selten wirken.

Außerdem wohnen unverfälschten Gefühlen gesunde Kräfte inne. Ein konsequentes Unterdrücken scheinbar „negativer“ Gefühle wirkt, beobachtet bei Lifestyle-Positivdenkern, nicht nur unauthentisch und maskenhaft. Es kann die Ausführenden krank machen. Queen Elizabeth II lächelte auf einer Australienreise so viel, dass Ärzte ihr davon abrieten, es weiter zu tun. Flugbegleiterinnen tragen durch die ständig erzwungene Höflichkeit ein höheres Risiko, an Depressionen zu erkranken. Kolleginnen die ehrlich lächeln, sind dieser möglichen Zukunftsaussicht nicht ausgesetzt.

Die Verleumdung von „unerwünschten“ Emotionen ist somit nicht die Lösung. Wer ernsthaft mental an sich arbeiten möchte muss tiefer, nach den Ursachen der Gefühle graben, die ihn negativ stimmen. Wer die Quelle nicht finden kann, wird immer wieder Wasser schöpfen müssen. Und der Arbeit überdrüssig werden. Das bloße Verleumden von Gefühlen ist, um den Dalai Lama zu zitieren, „wie eine Wunde zu nähen, die noch infiziert ist“.

Trotzdem sind die Lifestyle-Positivdenker schnell bei Nadel und Faden, wenn es um die Bekämpfung negativer Emotionen geht. Das Flickzeug, dass an ihren eigenen Körpern schon eitrige Wunden unter sich trägt, geben sie gerne weiter. Auch an arme Eistütenverlierer wie mich. Der simple Trostspruch lautet „Sieh es doch positiv!“.

Und nun schaut meine Freundin, meine Reaktion erwartend, zu mir rüber. Während mein Pistazien-Straciatella-Traum zerinnt, überlege ich was Klaus Kinski jetzt getan hätte.

0
  •  
  • 6
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Write A Comment