„Hach, früher hätte es so was nicht gegeben“, seufzt meine Oma mich an. Sie vergräbt ihr faltiges Gesicht in ihren Händen und schaut resigniert auf die Tischdecke. Das geblümte Farbfiasko ist noch aus besseren Zeiten und älter als ich. Vielleicht tröstet sie der Blick auf etwas, dass sie an die Vergangenheit erinnert.

Heute machen ihr Veränderungen zu schaffen. „Menschen werden von Automaten ersetzt und ich? Ich weiß gar nicht, wie ich die Dinger bedienen soll.“ Darüber macht sie sich Sorgen und um die Welt. Vor allem die Jugend, ja die Jugend sei so rücksichtslos geworden. In der Bahn erhebt sich kaum noch jemand, wenn sie herein gekrückt kommt. Im Fernsehen lassen sich die Damen nach Lust und Laune die Brüste verdoppel’Den… „Wo soll das alles hinführen?“, fragt sie mich mit großen Augen.

Was die Zukunft bringt, kann ich auch nicht sagen. Ich weiß nur, dass Menschen einen Faible für die Nostalgie haben. Die Früher-war-alles-besser-Leier ist ein beliebtes Instrument. Gespielt von denen, die von der Gegenwart enttäuscht werden.

Mag sein, dass damals Respekt vor dem Alter noch groß geschrieben wurde. Dafür wurden andere Dinge, wie die Emanzipation, nur mit kleinen Buchstaben bedacht. Minderheiten, wie Homosexuelle, zogen auch ein schweres Los. Die Zeiten waren in der Vergangenheit nicht besser, dass glaube ich nicht. Nur anders. Manchmal besser, aber manchmal auch schlechter.

Und da sitzt sie, meine Oma. Klein und knochig auf ihrer beigen Eckbank. Sie hat noch die Kraft Tiraden gegen die Moderne zu schmettern. Doch mit ihr zu leben, dass schafft sie nicht. Der Zug des Lebens hat sie abgeworfen und sie kann nur noch am Gleis stehen. Dabei zuschauend, wie er an ihr vorbeirauscht.

Olli Schulz, der Fest und Flauschig Podcaster, sagte mal etwas, an das ich mich gut erinnern kann. „Die Zeiten waren damals nicht besser, DU warst besser, du warst jünger und fitter.“

Vielleicht wälzt sie deswegen alte Fotoalben. Meine Oma, die den Fortschritt und das Alter nicht akzeptieren kann.

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5 Comments

  1. Sehr schön geschrieben. Und hier sind meine Gedanken dazu. Das stimmt wohl, dass früher nicht alles besser war, und dennoch denken es viele der Älteren. In ca. 30 Jahren gehören wir auch zu dieser ” Früher war alles besser” Generation. Es ist einfach so, heute sind wir noch jung, dynamisch und fit. Heute kommen wir noch mit der Schnelllebigkeit zurecht und finden uns schnell in die neue Technik rein. Und doch denk ich heute schon, in meinem zarten 33 Jahren ;), man die Musik war früher ( in den 90igern )irgendwie besser, dabei bin ich noch gar nicht so alt und rutsche schon in diesen Gedankenschema rein. Dabei soll das wohl völlig normal sein, dass man die Musik, die man in seiner Jugend gerne gehört hat, immer noch bevorzugt, als die Musik die im Moment so angesagt ist. Man fängt da schon an, nicht mehr so mit der Zeit mitgehen zu wollen. Und so zieht sich der Faden weiter, irgendwann möchte man nicht mehr das neuste Telefon/Smartfone haben, weil immer noch mehr Technik dabei sein wird. Ab einem bestimmten Punkt, möchte man sich nicht mehr mit der neusten Technik auseinandersetzen wollen . Man beruht sich dann auf das Altbewährte. Und so geht es auch der Oma, als sie noch jung war, konnte sie sich auch noch für was Neues begeistern, heute lebt sie mit ihrer Erinnerung in der Vergangenheit, weil ihr denken und ihr handeln langsamer geworden sind, doch die Zeit sich weiter dreht.
    Dies war nur ein Beispiel. Früher war man noch nicht so offen und über vieles wurde geschwiegen, obwohl es vielleicht direkt neben ein steht. Heutzutage wird über alles offen darüber gesprochen, weil man einfach auch aufgeklärter ist, was eben früher nicht so war. Früher dachte man halt, dass Homosexuelle krank sind und viele Angst hatten sich mit sowas anzusteken, deshalb wurden diese gemieden. Heute sind wir aufgeklärt und wissen, dass man vor Schwulen oder Lesben keine Angst haben muss und N E I N, sie sind nicht ansteckend. 🙂

    • MariaHutmacher Reply

      Ich mag auch Musik aus den 90ern. Nicht alles, aber vieles. Vielleicht auch weil ein Teil meiner Prägung in dieser Zeit entstand. (;
      Und bei der Technik ist es wohl wichtig, auch wenn man sich sträubt, dran zu bleiben um nicht den Faden zu verlieren. Sonst stehen auch wir irgendwann vor einem Automaten und wissen nicht mehr, wie wir ihn bedienen können.

  2. Früher war ganz gewiss nicht alles besser, aber vieles anders. Es gibt zu dem Thema ein wunderbares Büchlein der Berliner Künstlerin Yang Liu: “Heute trifft Gestern”. Unbedingt empfehlenswert.

    • MariaHutmacher Reply

      Ihr Kopf scheint eine Bibliothek zu sein. Nicht nur den Buchtipp, “Heute trifft gestern”, betreffend. Falls ich einen Rat zu einem spannenden Roman oder zu bestimmter Fachliteratur benötige, sind Sie meine erste Adresse. (;

  3. Falls Sie “Heute trifft Gestern” noch nicht kennen, würde ich Ihnen gerne ein Exemplar schenken. Ich habe ja noch etwas gut zu machen …

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