Was vor ein paar Jahren noch das DJ-Starter-Kit* war, ist heute die Spiegelreflexkamera. Kein Regentropfen ist mehr sicher vor den Hobbyfotografen! Der neue Freizeittrend hat die einfachen, verwackelten Familienschnappschüsse abgelöst.

Paul führt mir stolz seine neue Spiegelreflexkamera vor. Er hat sie von seiner Frau zum Geburtstag bekommen um „endlich auch mithalten zu können“. So eine Spiegelreflex hat ja heute jeder. Fein säuberlich hat der glücklich, beschenkte Ehemann seine Objektive vor mir ausgebreitet. Wie auswendig gelernt erläutert er mir die Funktionen der Linsen die, wie stumme Beobachter, auf mich gerichtet sind. „Das ist ein Fisheye-Objektiv und das, damit macht man super Makro-Aufnahmen. Damit bekommt man sogar ‘ne Laus lebensgroß!“, sagt er. Ein „Mmhm“ ist meine Reaktion. Dabei nicke ich interessiert.

Den Vortrag, den Paul mir hält, habe ich, in verschiedenen Variationen, oft gehört. Heute kann sich jeder, der 500 Euro übrig hat, Besitzer einer Spiegelreflexkamera nennen. Wie oft dieses Statussymbol tatsächlich genutzt wird, ist da eine andere Frage.

Der Trend zu einem solchen Besitztum liegt dabei in der Zeit. Die digitalen Medien bestimmen einen Großteil unseres Lebens. Da die einen repräsentativen Charakter haben reicht es nicht, verpixelte und verwackelte, Fotos vom Strand zu knipsen. Während unsere Väter noch genau das getan haben und ihrer Tätigkeit keinen großen Namen gaben, nennen sich die Pauls heute: Fotografen.

Der Paul, der vor mir sitzt, zeigt mir gerade seine künstlerisch wertvollen Machwerke. Hier tappelt ein Marienkäfer über einen Baumstamm und da läuft der berühmte Regentropfen übers Blatt. Paul hat ein Auge für die kleinen Dinge im Leben. Da es von denen viele gibt, lasse ich eine Diashow von mehreren, hundert Fotos über mich ergehen. Bei Paul scheint das ganze kein Hobby mehr zu sein, denke ich mir. Mit seiner nächsten Aussage bestätigt er meinen Verdacht. „Fürs nächste Jahr plane ich, mit ein paar anderen Leuten, an einem Kalender zu arbeiten“. Seine Augen funkeln jetzt wie wild.

Paul scheint nicht mehr zu den Hobbyfotografen zu gehören. Nein. Vor mir sitzt der nächste Helmut Newton. Zumindest stellt sich Paul wie einer dar. Er präsentiert mir die Akt-Fotos seiner Frau mit detaillierten Beschreibungen des Entstehungsprozesses. Mein privater Newton lässt, ohne Scham, keinen Zweifel aufkommen: Den nächsten Pirelli-Kalender, den shootet er!

Vielleicht hat Paul bis dahin ein neues Spielzeug gefunden. Das fliegende Hoverboard oder den vollautomatischen Tesla. Oder er möchte weiterhin zeigen, was er hat. Blitzdingst seine Besitztümer und stellt seinen sensiblen, künstlerischen Charakter unter Beweis.

Mit Fotos lässt sich’s halt prima am öffentlichen Leben teilnehmen. Das passt ins Instagram-Zeitalter. Mit einer popeligen Digitalkamera kommt man da nicht weit, die ist für Anfänger. Während, hinter einer Spiegelreflexkamera, scheinbar jeder zum Künstler wird. Was zum Vorzeigen hat man später auch.

Paul könnte, in seiner Freizeit, ebenso an einer Modelleisenbahn rumfriemeln. Doch das hätte deutlich weniger Prestige.

*Foto: Saskia Kupper

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