Für Individualisten ist die moderne Massenliedhaltung ein Graus. Sie brüsten sich gerne damit einen Song, oder eine Band, schon gehört zu haben bevor die selber wussten, dass es sie überhaupt gibt. Dabei lehnen sie Populäres kategorisch ab. Ein Absurdum. Denn stellen die selbsternannten Musikkenner ihren eigenen „kritischen“ Geist, mit dieser Auffassung, nicht in Frage?

Tom ist ein Musikliebhaber, den ich in einer Bar kennengelernt habe. Er gestikuliert wild. Die Ärmel seines T-Shirts hat er hochgekrempelt. „Ich hab Woodkid ja schon gehört, als die noch keiner kannte!“, sagt er und fegt dabei fast die Blümchen vom Tisch. Als hätte er sich mit diesem Vorreitertum die Exklusivrechte, an Woodkids Songs, gesichert.

Tom ist ein wahrer Musikkenner, ein Spezialist. Zumindest scheint er das zu denken. Er, der Entdecker, hat einen ohrgastischen Schatz aus den Tiefen des Ozeans gehoben. Nun bereichern sich die Massen daran und das macht Tom fuchsig.

Ganz wie der Weinkenner noch herausschmecken kann, ob der edle Tropfen aus einem Eichen- oder Kastanienfass stammt, nimmt Tom nämlich die feinen Noten der Musik wahr. Er weiß, was wirklich gut ist. Das heißt; Er WUSSTE, was wirklich gut ist. Denn nun kann er seinen erlesenen Geschmack nicht mehr, mit dem Kennen der Band Woodkid, unter Beweis stellen. Der Song von denen läuft jetzt auch bei Hornbach, während Papa Glühbirnen kaufen geht, was heißt das sie jeder kennt. Also muss sich Tom eine neue Nischenband suchen, um seinen individuellen Charakter zu betonen. Er will ja nicht mit der Masse schwimmen.

„Du willst unabhängig von der Masse sein?“, frage ich ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. Ein „Ja!“ kommt von der anderen Seite des Tisches zurück.

Doch macht sich Tom mit seiner Haltung nicht abhängiger, vom Geschmack anderer, als es ihm selbst bewusst ist? Tom möchte individueller hören, als es die Beyoncé-Coldplay-Anhänger tun. Dabei lässt er sich seinen Geschmack, eben; von genau denen diktieren. Indem er nur Titel in seine Suchleiste eintippt, die von den verhassten Popmusikanhängern übrig gelassen werden.

„Wenn Vodafone Run Boy Run nicht für die Werbung entdeckt hätte, würde der Song bei Vimeo immer noch bei 300 000 Klicks rumschimmeln“, redet Tom weiter. Er ist wie das Kind, dass ans Süßigkeitenregal im Supermarkt kommt. Nur das es dieses Mal feststellen muss, dass die anderen Kinder auch die gute Schoki entdeckt haben. Denn das Regal ist wie leergefegt. Doch statt Anderen einen Sinn für Qualität zuzugestehen, stampft Tom wütend mit den Füßen auf. „Die haben mir meine Lieblingsschokolade, ähhhh, -band weg genommen“, sagt er, „ …und wenn die sie haben, möchte ich sie nicht mehr“. Nein, Tom möchte nicht teilen. Mir hat er das unmissverständlich klar gemacht.

Dabei schnürt er das Korsett der Individualität enger zusammen. Er könnte es stattdessen auch ablegen. Weiter Woodkid und Coldplay hören. Doch dann müsste Tom eingestehen, dass auch Andere wissen können, was gut ist. Das Alleinstellungsmerkmal als Trendsetter hätte er nicht mehr. Wo könnte er noch die Grenze, zwischen sich und den anderen Menschen, ziehen?

Tom behält sein Korsett lieber an. Schließlich schenkt so ein Kleidungsstück auch Identifikation und Halt. Besonders den wackeligen Persönlichkeiten.

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2 Comments

  1. Vielen Dank für dieses Geständnis!
    Ich würde dem sogar noch eines drauf setzen wollen. Neben dem Oktroyieren des eigenen Geschmacks durch die Masse erscheint mir dieses Verhalten selbst – ein Trendsetter sein zu müssen – fast schon wie ein eigener Kult … oder eben wie ein zwanghaftes Mitläufertum in einer Gesellschaft, die Individualismus für das vielleicht höchste Gut hält.
    Und warum das alles? Für eine von anderen anerkannte Fassade, für den Preis der Anerkennung? Oder werden eigene Ängste und auch Sehnsüchte einfach zugemauert unter dieser Fassade?

    • MariaHutmacher Reply

      Es gibt ja das Sprichwort: “Vor lauter Individualismus tragen sie Uniform”. (; Zum einen schenkt es eben auch Sicherheit, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Zum anderen tröstet es manchen vielleicht, dabei wenigstens nicht zur größeren, kommerzielleren Gruppe zu zählen. Da wird man besonders, weil man sich bei der Minderheit einordnet. Selbst wenn die auch gefangen in ihren Intervallen ist.

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