Zur Begrüßung und zu Verabschiedungen geben sich Menschen gern ein Küsschen. Nicht die von Ferrero. Die Sympathiebekundungen, die mit spitzen Lippen an die Wangen des Gegenübers gehaucht werden. Häufig bleiben die auf halbem Weg in der Luft hängen. Als Freundin der ganzen Sachen frage ich mich, was diese angetäuschten Manöver eigentlich sollen. 

Wankdorfstadion Bern. Kopfball. Abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Aber Rahn schießt nicht. Es fällt kein Tor und das Spiel ist aus. Und die Zuschauer auf ihren heimischen Sofas? 

Wäre es damals in Bern kein Wunder geworden, sie hätten ratlos fragend mit den Schultern gezuckt, wie die Spieler auf dem Platz. Man möge das verrückt nennen, man halte es für übergeschnappt. Doch wenn Fussballer zum Schuss ansetzen, möchten die Beobachter ihre Köpfe simultan mit der Flugbahn bewegen. Bleibt das Versprechen angetäuscht und der Ball liegen, werden wir enttäuscht. 

Mir geht es oft ähnlich, wie den möglichen Fussballfans. Nur die Spieler sind Andere. Das Mädel mit der gieksigen Stimme von der Party, der betrunkene Typ aus der Bar… Sie setzten zu einer Handlung an, die nicht vollständig ausgeführt wird. Formen einen Kussmund, öffnen die Arme, neigen ihren Kopf. Ich beuge mich empfangend nach vorn und sehe einen Moment später aus wie jemand, der einen Geist umarmt. Achso. Die angedeuteten Zeichen der Zuneigung waren bloß symbolisch gedacht. Wie töricht von mir, zu denken, ich müsse das auch physisch spüren. 

Dabei weiß ich doch schon seit Forrest Gump: „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man bekommt.“ Mag auch ein Luftkuss angenehmer sein, als der feuchte Händedruck. So frage ich mich trotzdem: Sind die Antäuscher bei anderen körperlichen Vergnügen ebenso inkonsequent? Glaubt man den One-Night-Stand schon in Sack und Tüten, aber Pustekuchen? Nö, ich zieh mich jetzt doch wieder an? 

Für Simulierer die gern Luftküsse, halbe Umarmungen und One-Night-Stands weiterreichen, kenne ich einen geeigneten Ort. Hollywood. Dort ist die Filmliebe jeher eine Vorgetäuschte. Rührend anzusehen für alle Aussenstehenden. Doch die Beteiligten werden auf blutleere Emotionsarmut herunter gekühlt. 

In Anbetracht dieser wenig erwärmenden Umstände, ist mir der ehrliche Händedruck auch ganz lieb. Wenn die alternative Umarmung in einer plötzlich eintretenden Gelenksteife ihr Ende findet, ziehe ich ihn sogar vor. 

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