Es gibt Paare, die streiten gern vor Publikum. „Eine offene Diskussionskultur“, würde der Paartherapeut loben. „Unangenehm und peinlich für die unfreiwilligen Zuhörer“, würde ich sagen.

Cosi und ich hören Susa durch die geschlossene Tür schimpfen. „Wir wollten doch schon lange fertig sein!“, sagt sie. Der Adressat ist wahrscheinlich Christoph, ihr Freund. Die beiden haben uns zum Geburtstag eingeladen. Christoph wird 28 Jahre alt. Seit drei Jahren ist er mit Susa zusammen und das Letzte haben sie streitend verbracht.

Cosi schaut flehend zur Decke und bewegt stumm die Lippen. Ich stelle mir vor wie sie gerade das Ave Maria wispert. Ich richte meine Stoßgebete gerade auch zum Himmel. Da reißt Susa die Tür auf und pustet sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Hey ihr Beiden, schön das ihr da seid“, begrüßt sie uns. „Kommt doch rein.“ Kurz angebunden weist sie uns an, ins Wohnzimmer zu den Anderen zu gehen. Schon wendet sie sich wieder Christoph zu. Susa drückt ihm einen Schein in die Hand und beordert ihn zur Tür. „Kannst du Schalotten mitbringen?“, fragt sie ihn. „Hmmmm“, erwidert der, mehr brummend als sich der menschlichen Sprache bedienend.

Derweil sitzen wir Beide im Wohnzimmer. Der Youtube-DJ spielt Nina Simone und Paule erzwingt Erinnerungsfotos. Cosi und ich trinken einen Schluck Sekt und vergessen Susa und Christoph, den Brummbär. Lange können wir den Frieden nicht genießen.

Susa rumpelt wenig später in der Küche mit Töpfen herum. Laut und demonstrativ, damit jeder von uns eine Vorstellung von Christoph’s Unfähigkeit bekommen kann. „Du solltest doch Schalotten mitbringen!“ – Wir im Wohnzimmer versuchen normal und unberührt unsere Gespräche weiterzuführen. – „Hier sind doch deine dämlichen Schalotten“, sagt Christoph. In meiner Fantasie blickt er Susa jetzt verständnislos und fragend an. „Nein! Das sind Zwiebeln. Zwiebeln!“ Die gereizte Köchin stampft wie ein Mädchen mit den Füßen auf.

Wir im Wohnzimmer werden zu unfreiwilligen Mithörern und versuchen die Harmonie aufrecht zu erhalten. Doch Christoph schweigt. „Zwischen Zwiebeln und Schalotten liegen Welten. We-hel-ten!“, spricht Susa in die Stille. – Paule sitzt neben mir auf der Couch und rollt mit den Augen. – „Versuch’s halt mit den Zwiebeln“, entgegnet Christoph. „Man kann Sauce Bordelaise nicht mit Zwiebeln machen!“

Cosi und ich versuchen den laut hörbaren Streit aus der Küche zu überspielen. „Ähm… Marianna, in welcher Woche bist du jetzt?“, frage ich die Schwangere in der Runde. „In der 33ten“, antwortet Marianna. „Mmhhm.“ Cosi und ich nehmen die Info auf, wie als sei es die Spannendste seit Monaten. Wir nicken uns begeistert und mit großen Augen zu. „In der 33ten Woche also?“, wiederholen wir Mariannas Antwort. „Wow.“

Zwischen Susa und Christoph tobt der Zwiebel-Schalotten-Krieg weiter. Paul muss inzwischen dringend auf die Toilette. Blöd ist, dass man die nur durch die Küche erreichen kann. Paul ist aufgestanden, wippt auf und ab und presst die Knie zusammen.

Susa und Christoph gehören zu den Paaren, die ihre Konflikte im Moment der Entstehung austragen. Rücksicht auf die Anwesenden nehmen sie nicht. Für die ist es unangenehm, einem solchen Streit beizuwohnen. Verlegen und vom Zwist ablenkend versuchen sie, wegzuhören.

Dabei fällt es mir schwer, das zu tun. Man soll ja in der Kirche auch nicht lachen. Doch Verbote reizen und wollen gebrochen werden. Also versuche ich das Glucksen in der Kirche herunter zu schlucken und fahre, bei Zank in meiner Nähe, dass große Ohr aus.

Paare wie Susa und Christoph haben dagegen bestimmt nichts einzuwenden. Würden sie es sonst tun? Zeugen bieten eine Rückversicherung und verhindern, dass ein Streit völlig eskaliert. Sie können auch Partei ergreifen oder unterstützen. Im schlimmsten Fall dienen sie als Mittel zum Zweck. Um den Partner vorzuführen oder zu demütigen. Wenn „die Liebenden“ allein nicht mehr streiten können, suchen sie Gesellschaft. So wie sie Paartherapeuten aufsuchen. Mit dem Unterschied, dass die besser bezahlt werden. Cosi, Paule und ich füllen diese Funktion völlig kostenfrei aus. Und völlig unfreiwillig.

Susa steht auf einmal im Wohnzimmer. „Mag jemand noch was trinken?“, fragt sie. „Unbedingt“, antworten wir einstimmig. Betröppelt sind wir schon. Ein Tropfen Alkohol mehr kann nicht schaden. Paule nutzt die Waffenpause und stürzt auf Toilette. Susa folgt ihm, um unsere Gläser aufzufüllen. Christoph sitzt immer noch am Küchentisch vor seinen Zwiebeln. „Jetzt räum die blöden Dinger schon weg“, höre ich Susa sagen. „Ja, aber…“

Mehr bekomme ich nicht mit. Ich summe jetzt mit Nina Simone „Ain’t got no faith, ain’t got no wine… I got myself“ und habe Mitleid mit dem armen Paule. Der, eingepfercht von zwei Kriegsparteien, auf der Toilette hockt.

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