Während früher Cordhosen und Koteletten en vogue waren, trägt so mancher stilbewusste Mensch von Heute seine Unzuverlässigkeit zur Schau. Wird dieses Phänomen von sozialen Netzwerken gefördert?

Es ist ein bibberkalter Wintertag. Meine Wangen sind nicht mehr in das frische Rosé getaucht, mit dem ich meine beheizte Wohnung verlassen habe. Mein Lächeln ist tiefgefroren. Ich vergrabe meine Hände, wärmesuchend, in meinen Taschen. Vor gefühlten Stunden habe ich damit aufgehört, genervte Blicke auf die Uhr zu werfen. Eigentlich bin ich mit einer Barbekanntschaft verabredet. An einem See, dessen Oberfläche ebenso gefroren ist, wie mein Lächeln im Gesicht.

Aus meiner Löcher-in-die-Eisdecke-starrenden Apathie reißt mich nur das Vibrieren einer WhatsApp Nachricht. „Du, sorry Schatz. Mir ist was dazwischen gekommen. Ich hoffe du bist noch nicht losgelaufen.“ Der Smiley, den er mir mitgeschickt hat, sieht jetzt aus wie als hätte ihm jemand, mit einem schweren Gegenstand, vor den Kopf gestoßen. Er schaut mich mit seinen großen Augen ratlos blinzelnd an.

In Situationen wie diese komme ich zunehmend häufiger. Verabredungen werden kurzfristig abgesagt, verschoben oder vergessen. Inzwischen gibt es Menschen, hinter deren Versprechungen mein Gehirn ein großes Fragezeichen einfügt. Dabei haben sie noch nicht einmal ihre Beteuerungen zu Ende gebracht.

Es ist auch zu einfach. Apps wie Tinder erlauben es uns aus einem, sich immer wieder füllenden, Pool von Gesichtern zu wählen. Wenn es mit Photo A, Hipster-Vollbart mit Brille, nicht klappt dann vielleicht mit Ganzkörperphoto B, kleine, gebräunte Frau mit großen Brüsten. Wenn da die Verabredung, die wir vor ein paar Tagen noch enthusiastisch und mit vielen lachenden Smilies getroffen haben, auf einmal nicht mehr in den Terminplaner passt, was solls?! Ein paar Wischer nach rechts oder links genügen. Die Photos A und B lassen sich leicht von C, der yogaschlanken Katzenliebhaberin, ersetzten.

Denn soziale Dienste wie Tinder haben die Kommunikation abstrahiert. Durch die schützende Barriere des Internets können Profile, hinter denen tatsächlich yogaschlanke Katzenliebhaberinnen stehen, fast unwirklich erscheinen. Das macht es leicht, Verabredungen abzusagen oder sich garnicht mehr zu melden.

Das mag auf Privatkontakte abfärben. Schließlich besteht, von einem Mobilphone aus betrachtet, kaum ein Unterschied zwischen all den Profilen. Ob da nun unsere jahrelange Freundin abgebildet ist oder die Tinder-Bekanntschaft von der letzten einsamen Nacht. Sie alle schwimmen auf unseren Handybildschirmen in derselben sozialen Suppe. Und weil die so reichhaltig ist, werden Einzelne bedeutungslos.

Dann wird Menschen, wie meiner Barbekanntschaft, kaum noch bewusst das sie mit der Zeit anderer spielen. Versprechen die man gibt, verschwinden aus dem Sichtfenster im Chat und aus den Gedanken. Und warum pünktlich sein, wenn man sich ständig connecten kann, um zu sagen dass man doch spät dran ist?

Mir ist ganz kalt von der Schnelllebigkeit. Trotz Mantel und trotz der Hände, die ich tief in meinen Taschen vergraben habe.

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