Die bodypositivity-Bewegung wirbt für ein wohlwollendes Verhältnis zum eigenen Körper. Die Anhängerinnen hashtagen ihre Fotos mit den Worten #bodypositivity oder #lovemylines (zu deutsch und frei übersetzt: Ich liebe meine Dehnungsstreifen). Hilft das Phänomen Frauen dabei, eine positive Selbstbetrachtung aufzubauen? Oder ist es ein anderes Extrem zum Körperkult? 

Hanna posiert für ein Foto. Das Mädchen schiebt seine Hüften heraus und schaut selbstbewusst in die Kamera. Das Ergebnis wird sie später auf Instagram hochladen, mit dem Hashtag #bodypositivity. Das ist eine Bewegung, die sich der Liebe zum eigenen Körper verschrieben hat. Unter dem Hashtag, den Hanna gesetzt hat, finden sich Millionen von Selbstbildnissen. Frauen mit drei Dehnungsstreifen und Kilos zu viel tummeln sich hier.

„Love ‘ya“, kommentiert eine Betrachterin ein Foto, auf dem der Körper der Fotografierten vom Bauchnabel abwärts zu sehen ist. Ihre Dehnungsstreifen sind Gold nachgezeichnet. Auf einem anderen Bild verbiegt sich eine kurvige Blondine auf einer roten Recamiere. Die VOGUE hätte sie nicht genommen, doch hier kann sich die dralle Plus-Size-Queen zeigen.

Fördert die Zurschaustellung des Körpers, mit seinen Fehlern, die Selbstliebe?

Fördert die Zurschaustellung des Körpers, mit seinen Fehlern, die Selbstliebe? Jein. Es mag Frauen geben die bestärkt werden, von Abbildern der Cellulite und Dehnungsstreifen. Auf üblichen Magazincovern werden Makel per Photoshop entfernt. Doch im Web entsteht ein Raum der zeigt das Imperfektion nicht die Ausnahme, sondern die Regel, ist. Ein 50jähriger Körper schlägt Falten und junge Haut kann reißen. Die nackte Wahrheit stellt sich dem Extrem der Victorias-Secret-Perfektion.

Dabei treffen die Frauen, die mit dem Pinsel ihre Dehnungsstreifen nachzeichnen, nicht die goldene Mitte im Farbeimer. Sie bilden das entgegengesetzte Extrem zu Photoshop und Fitnessstudio. Wären die Models die Nazis, die Dehnugsstreifen-Brigade wäre die Antifa. So wie Wellness-Magazine Achtsamkeit in der Schnelllebigkeit lehren oder Foodografie auf Instagram nur Gegensätze zeigt. Salat und Äpfel gegen fettige Burger mit Pommes. Nach einer schnöden, bodenständigen Portion Kartoffelbrei sucht man in dem Bilderbuch vergeblich.

Auf der Karte von Instagram vermisse ich diese Normalität. Neben Speck mit Cellulite oder Unschuldslamm mit Rehaugen ist die Auswahl leider begrenzt. Durchschnittsfrauen, die ihren Körper zeigen ohne ihn zu inszenieren, sind selten. Zu einem gesunden Körpergefühl würde das aber beitragen. Denn muss ich jeden Dehnungsstreifen LIEBEN, um im Einklang mit mir sein? (Überhaupt bezweifle ich jeden meiner Dehnungsstreifen zu kennen. Mangels Biegsamkeit.)

Bitte mehr Kartoffelbrei!

Nein. Ich hätte gern weniger Burger und mehr zufriedenen Kartoffelbrei. Mehr Frauen die, nebenbei und ohne Hashtags, ihren Körper zeigen. Ohne jedes Gramm auf die Goldwaage zu legen. Die Kartoffelbrei-Frauen schaffen das indem sie – ihrem Speck – keine Aufmerksamkeit schenken. Sie fotografieren ihn nicht. Warum auch? Der #bodypositivity-Bewegung fehlt diese Nonchalance. Die legt jedes Gramm nicht nur auf die Goldwaage, sie malt es auch golden an.

So knipsen Hanna und die Anderen, wie um der Welt etwas zu beweisen, ihren verzierten Speck. Dabei gehen sie der Industrie auf den Leim, die sie angreifen wollen. Denn wie viele Frauen haben sie dabei nur eine Obsession. Ihren Körper.

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